Hin zu einer Freiheit, die sich selbst begrenzt

Die Philosophin ISOLDE CHARIM zur Frage ob jeder mit seinen Konsumgewohnheiten direkt für das Klima verantwortlich zu machen ist.

Wer bei der ORF2-Diskussion „Im Zentrum“ sieht, wie Vertreter aller Parteien ihre Konzepte zum Kampf gegen den Klimawandel präsentieren, versteht, welche grundlegende Veränderung wir gerade erleben.

Eine Veränderung, von der wir noch gar nicht ermessen können, wie sehr sie nicht nur die Natur, sondern auch die Gesellschaft transformiert.

Jetzt, wo der Klimawandel die zentrale Erfahrung dieses Sommers war. Jetzt, wo er das zentrale Wahlkampfthema ist. Und jetzt, wenn am 20. September der globale Klimastreik stattfindet. Jetzt muss das Thema aufgegriffen werden. Auch wenn es an dieser Stelle schon behandelt wurde.

Manchmal benennt man ein Problem – und eröffnet damit aber auch ein Dilemma. Dann ist es ein Gebot der Redlichkeit, die Widersprüche zu benennen. Wie etwa bei der hier erhobenen Kritik, dass jeder mit seinen Konsumgewohnheiten direkt für das Klima verantwortlich gemacht wird.

Diese Vorstellung einer persönlichen Haftung ist nach wie vor ein Irrweg. Auch wenn diese Vorstellung immer mehr um sich greift -trotz aller negativen Folgen.

Es führt zu einer Kontrolle des persönlichen Verhaltens von außen -etwa seitens der Nachbarschaft oder des Milieus -ebenso wie von innen. Beides funktioniert über Beobachtung, schlechtes Gewissen und moralische Verurteilung. Zu sehen ist das an Phänomenen wie der „Flugscham“.

Die Tendenz zur persönlichen Askese kommt auch daher, dass sie einen Gewinn verspricht: das schöne Gefühl, etwas beizutragen. Die Erlösung durch das gute Gewissen. All das ist nicht zuletzt Ausdruck des alten Versprechens, dass wir als Konsumenten handlungsmächtig seien.

Tatsächlich aber ist die drohende Katastrophe nicht durch persönliche Lebensführung aufzuhalten. Angesichts der Größe und Dringlichkeit des Problems wäre dies die falsche Position für den Einzelnen.

Statt das Problem zu privatisieren, sollten wir das genaue Gegenteil tun: es politisieren. Das ist die Parole. Und sie gilt nach wie vor. Und dennoch gibt es ein Aber: Die Politik, die das lösen soll, muss von der Bevölkerung – von Unternehmern ebenso wie von Beschäftigten -getragen werden. Die Gesetze, die das regulieren sollen, müssen akzeptiert werden.

Anders gesagt: Wenn es ein demokratisches Vorgehen sein soll, das die notwendigen Veränderungen durchsetzt, dann braucht es beim Einzelnen eine Sensibilität für die Gefahren des Klimawandels.

Das ist ein Lernprozess für alle -für Konsumenten, für Unternehmer und nicht zuletzt für Politiker. Es braucht eine gesellschaftliche Akzeptanz für die notwendige Transformation.

Das Dilemma ist also, dass die persönliche Haftung, die private Selbstkasteiung etwa, nicht reicht, ja sogar eine falsche Priorität setzt -und trotzdem braucht es einen Mentalitätswandel.

Und zwar, um als Gesellschaft die Kosten zu akzeptieren und zu tragen. Auch für all jene, die sie nicht tragen können. Es braucht also die Akzeptanz einer ökologischen Umverteilung, einer ökologischen Gerechtigkeit.

Dieser Mentalitätswandel müsste noch viel weiter gehen. Ob man nun an Degrowth glaubt und das Wirtschaftswachstum einschränken möchte oder ob man vom wirtschaftlichen Umbau durch einen „Green New Deal“ überzeugt ist. In jedem Fall bedarf es eines grundlegenden ideologischen Umbruchs.

Die alte Freiheit, dass alles, was möglich ist, auch getan wird. Die alte Freiheit, dass uns die ganze Welt zur Verfügung steht. Diese alte Freiheit lässt sich nicht mehr (oder nicht mehr lange) kaufen. Durch keine Formen des neuen Ablasshandels für Umweltsünden. Wir werden nicht umhinkommen, Freiheit neu zu buchstabieren -hin zu einer Freiheit, die sich selbst begrenzt.

Deshalb lautet die vorrangige Frage: Wie verändern sich Mentalitäten, Gewohnheiten, Lebensformen, gesellschaftliche Normen und Funktionsweisen?

Die Autorin ist Philosophin, Publizistin und wissenschaftliche Kuratorin. Zuletzt erschien ihr preisgekröntes Buch „Ich und die Anderen“ (Zsolnay), in dem sie über die pluralisierte Gesellschaft nachdenkt

charim@falter.at

Veröffentlicht von

ronald.gjurkowitsch

lebt (und arbeitet meistens) in der gemeinde hitzendorf. wenn beruflich dann in der energiewirtschaft. unterrichtet nebenbei an fh joanneum und donauuni krems. oft gut gelaunt und pflegeleicht, außer es passt ihm was nicht. linksliberal, grünaffin und hedonist

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s